Elektroauto und Wohnwagen: Ist die Schweiz bereit?

Eine Diskussion im SCCV-Vorstand gab den Anstoss: Gibt es in der Schweiz tatsächlich kaum Ladeplätze für Elektroautos mit Wohnwagen? Wir haben recherchiert – und eine deutlich spannendere Realität gefunden.

Elektroauto mit angehängtem Wohnwagen an einer modernen Schnellladestation vor Schweizer Berglandschaft

Elektromobilität und Camping – zwei Welten, die eigentlich hervorragend zusammenpassen sollten. Leise reisen, lokal emissionsfrei unterwegs sein und die Freiheit des Campings geniessen. Doch sobald hinter dem Elektroauto ein Wohnwagen hängt, wird aus der theoretischen Diskussion eine sehr praktische Frage: Wo kann ein solches Gespann eigentlich laden?

Der Ausgangspunkt für diesen Beitrag war eine Vorstandssitzung des Schweizerischen Camping- und Caravaning Verbands SCCV.

Wir diskutierten über Elektromobilität und darüber, welche Veränderungen in den kommenden Jahren auf Camping, Caravaning und die Campingplätze zukommen könnten.

Dabei fiel sinngemäss eine Aussage, die bei mir hängen blieb: In der Schweiz gebe es möglicherweise nur ein oder zwei Ladestationen, an denen man mit einem Elektroauto und angehängtem Wohnwagen vernünftig laden könne.

Ich konnte mir das kaum vorstellen. Nicht, weil ich bereits die Antwort kannte. Sondern weil gleichzeitig überall neue Schnellladeparks entstehen und inzwischen auch elektrische Lastwagen auf europäischen Strassen unterwegs sind.

Wenn wir Ladeinfrastruktur für einen 40-Tonnen-Sattelzug bauen können – kann es dann tatsächlich sein, dass ein Auto mit Wohnwagen daran scheitert?

Also haben wir genauer hingeschaut. Und dabei festgestellt: Die Wirklichkeit ist deutlich interessanter als ein einfaches Ja oder Nein.

Das Problem ist nicht die Ladesäule

Wer mit einem normalen Elektroauto unterwegs ist, sucht auf der Karte nach einem Ladepunkt, fährt hin, parkiert und lädt. Mit einem Wohnwagen funktioniert diese Logik plötzlich nicht mehr.

Aus vielleicht fünf Metern Auto werden mit Wohnwagen zehn, zwölf oder mehr Meter Gespann. Damit verändert sich die entscheidende Frage. Nicht: Wo gibt es eine Ladesäule? Sondern: Wo kann ich mit meinem kompletten Gespann tatsächlich hinfahren, laden und anschliessend problemlos weiterfahren?

Eine technisch perfekte Schnellladesäule mit 300 oder 350 kW hilft einem Camper wenig, wenn sie zwischen klassischen PKW-Parkfeldern steht und nur rückwärts oder seitlich angefahren werden kann.

Dann bleiben im schlechtesten Fall drei Möglichkeiten: Wohnwagen abhängen, mehrere Ladeplätze blockieren oder weiterfahren und hoffen, dass die nächste Station besser gebaut ist.

Als gelegentliche Notlösung mag das funktionieren. Als selbstverständlicher Bestandteil einer Ferienreise überzeugt es kaum.

Die Schweiz kann mehr, als die Diskussion vermuten liess

Unsere Recherche brachte zunächst eine positive Überraschung.

Das Bundesamt für Strassen ASTRA führt aktuell 24 Rastplätze und Raststätten mit Schnellladeanlagen im Durchfahrtslayout auf, die auch für Elektro-LKW zugänglich sind.

Dazu gehören beispielsweise Lenzburg, Oftringen, Suhr, Erstfeld, Lavorgo Nord und Süd, Porrentruy, Kölliken Süd und Gotthard Süd.

Damit ist zumindest eines klar: Die Vorstellung, in der gesamten Schweiz existierten lediglich ein oder zwei grosszügig dimensionierte Ladeanlagen, greift zu kurz.

Aber genauso wichtig ist die andere Seite: LKW-zugänglich bedeutet nicht automatisch wohnwagentauglich.

Zufahrt, Kurvenradius, Länge des Ladefeldes, Position der Säule, Ausfahrt und mögliche Nutzungsvorschriften können unterschiedlich sein.

Die Zahl 24 bedeutet deshalb ausdrücklich nicht, dass wir damit bereits 24 garantierte Wohnwagen-Ladestationen gefunden haben.

Und genau hier beginnt das eigentlich interessante Problem.

Wir zählen Ladepunkte – aber wissen zu wenig über Ladeplätze

Eine moderne Lade-App kann erstaunlich viel. Sie zeigt uns, wo die Station steht, wie viele Ladepunkte vorhanden sind, welche Ladeleistung angeboten wird, welche Stecker vorhanden sind und teilweise sogar in Echtzeit, ob ein Ladepunkt frei ist.

Was für Camper häufig fehlt, ist eine ganz andere Information:

Kann ich dort mit meinem elf oder zwölf Meter langen Gespann laden, ohne den Wohnwagen abzuhängen?

Wir digitalisieren Verfügbarkeit, Ladeleistung und Bezahlung bis ins Detail – aber eine der simpelsten Fragen bleibt offen:

Passe ich dort überhaupt hin?

Andere Anbieter denken bereits in Fahrzeuglängen

Dass es anders geht, zeigt beispielsweise Fastned.

Der Schnellladeanbieter erklärt ausdrücklich, dass an vielen seiner Standorte Anhänger oder Wohnwagen während des Ladens angekuppelt bleiben können.

In der Fastned-App kann nach Stationen für lange Fahrzeuge gefiltert werden. Dabei lässt sich sogar die Gesamtlänge des Fahrzeugs inklusive Anhänger oder Wohnwagen berücksichtigen.

Das klingt nach einer kleinen Zusatzfunktion. Für Camper verändert es aber die komplette Reiseplanung.

Denn plötzlich beantwortet die App nicht mehr nur: Wo kann mein Auto laden? Sondern: Wo kann mein Gespann laden?

Das ist ein schönes Beispiel dafür, was Nutzerorientierung bedeutet: Nicht einfach mehr Technik bereitstellen, sondern verstehen, wie Menschen diese Technik tatsächlich benutzen.

Skandinavien zeigt, wohin die Entwicklung gehen kann

Besonders interessant wird der Blick Richtung Norden.

Norwegen gehört seit Jahren zu den Ländern mit der höchsten Verbreitung von Elektroautos weltweit. Entsprechend früher musste man sich dort mit Fragen beschäftigen, die bei uns teilweise erst jetzt relevant werden.

An einzelnen norwegischen Ladeparks gibt es inzwischen ausdrücklich Drive-through-Ladeplätze, die für Fahrzeuge mit Anhänger oder Wohnwagen gedacht sind.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Nicht einparken. Nicht abhängen. Nicht rückwärts rangieren. Einfahren – laden – weiterfahren.

Eigentlich genau so, wie wir es von einer klassischen Tankstelle seit Jahrzehnten gewohnt sind.

Ausgerechnet der Elektro-LKW könnte dem Camper helfen

Der elektrische Schwerverkehr zwingt die Ladebranche dazu, ihre bisherige Architektur zu überdenken.

Ein 40-Tonnen-Sattelzug lässt sich nicht zwischen zwei normale PKW-Parkplätze stellen.

LKW-Ladeparks brauchen grosszügige Fahrwege, lange Ladeplätze, Durchfahrtsmöglichkeiten, sehr hohe Ladeleistungen und genügend Raum für unterschiedliche Fahrzeug- und Aufliegerlängen.

Auch die Schweiz beschäftigt sich inzwischen ausdrücklich mit einem öffentlich zugänglichen Schnellladenetz für elektrische Lastwagen entlang der Nationalstrassen.

Europaweit geht die Entwicklung noch weiter. Milence – ein Joint Venture von Daimler Truck, TRATON Group und Volvo Group – betrieb im Mai 2026 bereits 34 öffentliche Ladehubs in acht europäischen Ländern und baut das Netz weiter aus.

Für Camper bedeutet das ausdrücklich nicht, dass sie künftig einfach auf ausgewiesenen LKW-Ladeplätzen stehen dürfen.

Aber etwas anderes passiert: Die Architektur des Ladens verändert sich.

Der klassische Ladepunkt zwischen zwei PKW-Parkfeldern ist nicht mehr das einzige Modell. Ladeparks werden grösser. Durchfahrt wird wichtiger. Fahrzeuglänge wird berücksichtigt.

Und genau diese Entwicklung könnte langfristig auch Wohnwagen, grosse Wohnmobile und andere lange Fahrzeugkombinationen voranbringen.

Die Schweiz baut weiter aus

Auch auf dem Schweizer Nationalstrassennetz passiert einiges.

Nach Angaben des ASTRA sollen bis 2030 alle 100 Rastplätze des Nationalstrassennetzes mit Schnellladestationen ausgestattet sein.

Das ist eine enorme Chance.

Denn Infrastruktur, die heute geplant und gebaut wird, bleibt viele Jahre bestehen.

Deshalb wäre aus Campingsicht eine Frage besonders interessant:

Wie viele dieser neuen Ladeplätze werden so geplant, dass auch ein Fahrzeug mit Anhänger hinein- und wieder herausfahren kann?

Denn es wäre schade, wenn wir heute eine Infrastruktur für die Mobilität von morgen bauen – und dabei weiterhin ausschliesslich in einzelnen PKW-Parkfeldern denken.

Die Reichweite dürfen wir nicht schönreden

Natürlich gibt es noch eine zweite grosse Baustelle.

Ein Wohnwagen verändert Gewicht und vor allem Aerodynamik eines Fahrzeugs erheblich. Der Energieverbrauch steigt. Die Reichweite sinkt.

Damit werden auf langen Reisen zusätzliche Ladestopps notwendig. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Aber gerade dadurch wird die Gestaltung der Ladeplätze noch wichtiger.

Wohnwagen abhängen, Auto laden, Wohnwagen wieder anhängen und weiterfahren mag man einmal machen.

Wer mehrere Ladestopps an einem Reisetag benötigt, wird sehr schnell eine andere Erwartung an die Infrastruktur entwickeln.

Und am Campingplatz beginnt das nächste Kapitel

Die Diskussion endet ausserdem nicht an der Autobahn.

Denn irgendwann kommt das Gespann am Campingplatz an.

Heute sind vielleicht einzelne Elektrofahrzeuge auf einem Platz. Was passiert aber, wenn in einigen Jahren an einem gut belegten Wochenende zwanzig, dreissig oder fünfzig Gäste gleichzeitig ihr Fahrzeug laden möchten?

Dann geht es plötzlich um Netzanschlüsse, Lastmanagement, Abrechnung, Ladeleistung, Photovoltaik, Batteriespeicher und möglicherweise auch darum, wann ein Fahrzeug tatsächlich geladen werden muss.

Nicht jedes Auto benötigt unmittelbar nach der Ankunft 150 kW. Ein Fahrzeug, das drei Tage auf dem Campingplatz steht, kann möglicherweise intelligent und netzdienlich über viele Stunden geladen werden.

Gerade Campingplätze könnten deshalb langfristig sogar interessante Standorte für intelligentes Laden werden.

Fünf Dinge müssen wir noch lösen

1. Durchfahrtsplätze statt Sackgassen
Ein Gespann muss hinein- und wieder herausfahren können, ohne Abkuppeln und ohne Rangierkunststück.

2. Verlässliche Informationen
Nicht nur Ladeleistung und Verfügbarkeit gehören in eine App. Auch Fahrzeuglänge, Zufahrt, Durchfahrtshöhe und Anhängertauglichkeit sind relevante Reisedaten.

3. Eine verständliche Kennzeichnung
„LKW-zugänglich“, „Anhänger möglich“ und „für Wohnwagen geeignet“ sind nicht automatisch dasselbe.

4. Genügend Kapazität
Ein Gespann sollte nicht zwei oder drei Ladeplätze blockieren müssen, nur weil bei der Planung niemand an Anhänger gedacht hat.

5. Die Destination gehört zur Reisekette
Autobahnen sind nur ein Teil der Lösung. Campingplätze, Stellplätze, touristische Destinationen und Gemeinden werden ebenfalls Teil der Ladeinfrastruktur.

Vielleicht diskutieren wir über die falsche Frage

Genau das ist für mich die wichtigste Erkenntnis aus der Diskussion, die an dieser SCCV-Vorstandssitzung begonnen hat.

Bei Elektromobilität landen wir erstaunlich schnell in zwei Lagern.

Die einen sagen: „Das ist die Zukunft.“

Die anderen: „Das funktioniert niemals.“

Für Camper hilft uns beides wenig.

Die viel interessantere Frage lautet:

Was funktioniert heute bereits – und was müssen wir verändern, damit es morgen selbstverständlich funktioniert?

Die Recherche hat zumindest eine Behauptung relativiert. Nein – die Schweiz besteht nicht aus lediglich ein oder zwei grosszügigen Ladeplätzen.

Es passiert bereits einiges.

Aber genauso wenig können wir behaupten, das Problem sei gelöst.

Denn eine Ladesäule ist noch lange kein geeigneter Ladeplatz.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe

Wir reden bei Elektromobilität sehr viel über Batteriekapazitäten, Reichweiten, Ladeleistungen und Anzahl Ladepunkte.

Alles wichtige Kennzahlen.

Aber vielleicht entscheidet am Ende etwas viel Einfacheres darüber, ob Menschen eine neue Technologie akzeptieren:

Funktioniert sie in meinem wirklichen Leben?

Mit Kindern. Mit Gepäck. Mit Wohnwagen. Mit einem zwölf Meter langen Gespann. Im Sommerreiseverkehr. Und ohne dass ich vor jedem Ladestopp eine kleine logistische Operation planen muss.

Das ist keine Kritik an Elektromobilität. Im Gegenteil.

Es ist die Voraussetzung dafür, dass aus einer technologischen Möglichkeit irgendwann eine selbstverständliche Form des Reisens wird.

Unser Fazit

Elektro-Camping scheitert nicht grundsätzlich an der Technik.

Heute scheitert es teilweise noch an wesentlich banaleren Dingen:

Platz. Information. Planung.

Und genau deshalb sind diese Probleme lösbar.

Vielleicht brauchen Camper gar keine eigenen Spezial-Ladestationen.

Vielleicht müssen wir beim Ausbau der normalen Ladeinfrastruktur lediglich von Anfang an berücksichtigen, dass Mobilität nicht immer nach fünf Metern Fahrzeuglänge endet.

Und vielleicht wäre ein sinnvoller nächster Schritt für die Schweiz erstaunlich einfach:

Eine verlässliche Karte aller Ladeplätze, an denen Elektroauto und Wohnwagen tatsächlich gemeinsam laden können – ohne Abkuppeln, ohne Blockieren und ohne Überraschungen.

Die Diskussion darüber begann für mich an einem Sitzungstisch des SCCV.

Vielleicht entsteht daraus irgendwann etwas, das Camper auf der Strasse tatsächlich gebrauchen können.

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